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![]() ![]() heimspiele nr 1 e.v. ladenburg
stimmen steine schritte - ein theaterspaziergang durch ladenburg, begleitet von den erinnerungen von ruth steinfeld und anderen aus ladenburg vertriebenen juden
heike trinker, charles ripley, aylar rose, max wex, aron eichhorn, projektchor, theaterkurs J1 des CBG, barbara wachendorff Kommentar des fotografen: Ich muss nicht betonen, dass der fotograf eines bühnengeschehens ausschliesslich dienstleister ist - was er sich dabei denkt, behält er gefälligst für sich. Aber manchmal muss es einfach raus. Es geht hier auch nicht um das stück - das ist in idee und ausführung hervorragend -, sondern die stadt ladenburg als bühne des stückes, um den nicht aufhebbaren gegensatz zwischen einem stück ("etwas hat sich geändert") und seinem bühnenbild ("nichts hat sich geändert"). Ich sollte vorausschicken, dass ich im lauf der jahre eine deutliche fachwerkallergie entwickelt habe - eine elsaßtour ist für mich der reine horrortrip. Fachwerk mit spitzgiebel, und erst recht restauriertes fachwerk auf die perfekte deutsche art ("wie neu"), empfinde ich als die baugeschichtliche manifestation von allem, was in der deutschen geschichte schief gegangen ist - kleingeistigkeit, spiessertum, obrigkeitshörigkeit, fremdenfeindlichkeit, antisemitismus. Das hat weniger mit den intentionen der erfinder dieser bautechnik zu tun, als mit der nachträglichen rezeption und vereinnahmung im 19.jahrhundert ff. Für die romantiker und im folgenden biedermeier war der spitzgiebelige fachwerkbau ausdruck der deutschen (herbeifabulierten) gemütlichkeit, in den darauf folgenden jahrzehnten der sich immer wüster gerierenden deutschnationalen wurde der fachwerkbau als gleichsam zum wesenskern der deutschen baukultur gehörig gefeiert. Das ("deutsche") mittelalter wurde samt einem teil seiner bauformen verklärt und idealisiert. Logisch, dass das elsaß als herausragende fachwerkidylle 1871 vom neu gegründeten deutschen reich annektiert werden musste. Was so deutsch aussieht, muss auch deutsch sein! Und genauso sehen und propagieren es in diesen tagen die wiedergänger der blut und boden-ideologen der ersten hälfte des zwanzigsten jahrhunderts auch wieder. Kann man nachlesen im wahlprogramm der AfD in sachsen-anhalt. Nach den Vorstellungen der AfD sieht ladenburg perfekt so aus, wie eine deutsche stadt auszusehen hat und wie man deshalb in zukunft wieder zu bauen hat: spitzgiebelig. Fachwerk gilt als gebauter nachweis des deutschtums, fachwerk, das, wenn es alt ist, aber penibelst renoviert sein sollte (patina ist eine welsche unsitte - in deutschland gibt es das nicht, im deutschen wortschatz gibts nicht einmal ein wort dafür), und natürlich mit highspeed-internetanschluss versehen. Wir sind hier doch nicht hinterm mond! Was sagt uns das? Es braucht gar keine AfD, damit deutschland so aussieht, wie die AfD meint, dass deutschland aussehen sollte! Und warum sieht es so aus? Weil in den (meisten? allen?) deutschen im kern die gleiche unduldsame ordnungsliebe und der gleiche empathiemangel steckt wie 1938 und in den hundert jahren davor? Damals galt der satz:"Die juden sind unser unglück!" Deutschland, ja der ganzen welt konnte es nur gut gehen, wenn die juden vollständig aus der welt entfernt wurden. 99% der deutschen haben das gedacht, geglaubt, gesagt, unterstützt oder zumindest unwidersprochen hingenommen. Heute gibt es eine partei, die überall, in den parlamenten, in ihren veranstaltungen, auf der strasse, in ihren hetzschriften, die behauptung aufstellt, an allen unseren problemen, von der lahmenden industrie über die finanzlücken bei rente und gesundheitssystemen bis zur kriminalstatistk sind letzlich die migranten schuld. Und ein viertel aller wählenden deutschen geben dieser partei ihre stimme, trotz des offensichlichen schwachsinns ihrer monokausalen welterklärung und gegen alle täglichen erfahrungen. So blöd, dass man das nicht versteht, kann man als wählerin oder wähler gar nicht sein und ist auch niemand: diese partei wird gewählt, nicht obwohl, sondern weil ihre wählerinnen und wähler die menschenfeindlichkeit, die ihnen da angeboten wird, für gut und richtig halten. Wobei sie diese menschenfeindlichkeit wahrscheinlich gar nicht als solche wahrnehmen, sondern ganz einfach als exekution von recht und ordnung. Wenn man einen parcours durch ladenburg begleitet, der an die vertreibung und ermordung der juden durch uns deutsche erinnert, hat man den fatalen eindruck, gegen die in häuser gegossene geballte macht der reaktionären deutschen traditionen anzuspielen ist sinnlos: weil einem buchstäblich vor augen geführt wird, das ganze gerede von "nie wieder!" ist nur oberflächliche tünche. Wie der deutsche baut, und vor allem, wie er restauriert, wie er mit seinen behausungen umgeht, damit er sich in ihnen zu hause fühlt, zeigt, wes geistes kind er ist, egal was er sonst so daherredet, z.b. von seiner staatsräson, einem wunderbar entlastenden totschlagargument. Können Sie nicht nachvollziehen? Vor zwanzig jahren hat mir im dezember am frühen morgen auf dem heidelberger uniplatz beim anblick des soeben zum leben erwachenden heidelberger weihnachtsmarkt eine israelische besucherin, die viel in europa herumgereist war, gesagt, ihr sei aufgefallen, dass deutsche weihnachtsmärkte, vor allem die grossen wie z.b. der nürnberger, was die penibel ausgerichtete anordnung der hütten beträfe, eine fatale ähnlichkeit mit deutschen kzs hätten. - Ist doch klar: was auch immer wir machen, egal was es ist, weihnachten feiern oder völker ausrotten oder städte restaurieren, machen wir nun mal ordentlich, eventuell nicht gut, eventuell auch nicht schnell, eventuell auch unter missachtung von ethik und moral, in jedem fall aber ordentlich. In deutschland ist "ordentlich/ordnungsgemäss handeln" im übrigen synonym mit ethisch handeln. Dass etwas - haus, garten, auto, stadt, familie etc - ordentlich aussieht, ist in deutschland das ultimative qualitätssiegel. Und das sieht man einer deutschen stadt an. (Offensichtlich fällt mir, wenns ums stadtbild geht, was anderes auf als herrn merz.) PS: Dass die deutschen es schon immer mit dem spitzgiebel hatten, kann man im übrigen wunderbar im heidelberger schloss sehen. Wie einem der blick auf die fassade des friedrichsbau, gerühmt als erster renaissancebau in deutschland, zeigt, wurde die renaissance, als sie den sprung über die alpen wagte, gleich nach ihrer ankunft sofort mit spitzgiebeln ausgestattet. Was ihr aber gar nicht steht und sie neben ihrer italienischen schwester ein wenig hinterwäldlerisch-albern aussehen lässt.
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